Charles Servaty / PDG

Gesundheitsförderung


Regierungskontrollsitzung des Ausschusses IV vom 12.04.2017

Interpellation von Charles Servaty an Minister Antonios Antoniadis zur Gesundheitsförderung in der Deutschsprachigen Gemeinschaft

Sehr geehrter Herr Minister,

ich wende mich mit der vorliegenden Interpellation an Sie, um die Rahmenbedingungen der Gesundheitsförderung in der Deutschsprachigen Gemeinschaft zu hinterfragen und von Ihnen Antworten über die Zukunft von Prävention, Krankheitsvermeidung und der diesbezüglichen Kommunikation und Information zu erhalten. Die Gesundheitsstudie des Wissenschaftlichen Instituts für Volksgesundheit dient dabei ebenso als Ausgangspunkt der Erwägungen, wie die 21 Gesundheitsziele der Weltgesundheitsorganisation. Abschließend werde ich auf die DG-spezifischen, organisatorischen Rahmenbedingungen eingehen.

Vorliegende Interpellation ist vor dem Hintergrund mehrfacher Ankündigungen Ihrerseits zu verstehen, im Laufe dieser Legislaturperiode ein Konzept für die Gesundheitsförderung in der Deutschsprachigen Gemeinschaft vorzulegen.

Sicherlich ist die adäquate Behandlung von erkrankten Personen eine zentrale Aufgabe des Gesundheitssystems in der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Die beste Gesundheitsförderung ist jedoch die präventive. Angesichts des gesellschaftlichen Schwerpunktthemas „Prävention“, dem wir in den vergangenen Jahren viel Zeit in diesem Ausschuss gewidmet haben, ergibt sich daher zwangsläufig die Frage nach den Rahmenbedingungen im Gesundheitssektor der DG, die es ermöglichen, Erkrankungen – bevor sie entstehen – verhindern zu können.

Wie aus der letzten Gesundheitsstudie des Wissenschaftlichen Instituts für Volksgesundheit aus dem Jahre 2013 hervorgeht, schätzen 22,1 Prozent der Bürgerinnen und Bürger Belgiens ihren Gesundheitszustand als durchschnittlich, schlecht oder sehr schlecht ein – immerhin fast ein Viertel der Gesamtbevölkerung.

Die subjektive Wahrnehmung der Gesundheit beziehungsweise des Wohlbefindens ist ein wichtiger Faktor, der jedweder Gesundheitsförderung oder Prävention vorgelagert sein muss. Sicherlich ergeben sich bei der Messbarkeit Schwierigkeiten, da das Wohlbefinden des Einzelnen eine schwierig zu vergleichende Angelegenheit darstellt. Das generische Messinstrument EQ-5D, das auch in der Gesundheitsstudie angewendet wird, mag dabei einige globale Entwicklungen korrekt abzeichnen, stellt jedoch keine zuverlässige Messmethode dar. Zu offensichtlich ist die Diskrepanz zwischen dem hohen Wert der Lebensqualität in Belgien gemessen an der Gesundheit von 0,81 – bei einem Höchstwert von 1 – und der doch nachdenklich stimmenden restlichen Auswertung der Studie. Diese zeichnet schließlich teilweise dramatische Gesundheitszustände in unserem Land – vor allem was psychische Belastungen angeht. Hierauf werde ich später noch zu sprechen kommen.

Zusammengefasst könnte man die Resultate des EQ-5D folgendermaßen bewerten: entweder ist die Bevölkerung kränker als sie sich fühlt oder gesünder als die Statistiken jenseits der an Gesundheit gemessenen Lebensqualität vermuten lassen.

In beiden Fällen hätte der EQ-5D-Wert keine wirkliche Aussagekraft. Sie können mich gerne später in Ihrer Antwort korrigieren, wenn Sie diese Einschätzung nicht teilen…

Weiterhin bezugnehmend auf die Gesundheitsstudie müssen wir feststellen, dass chronische Krankheiten in Belgien weit verbreitet zu sein scheinen. Akute Rückenbeschwerden sind dabei geschlechterübergreifend die weitest verbreiteten Krankheitsbilder. Erhöhte Cholesterinwerte landen bei den Männern auf dem zweiten Platz, während bei Frauen Arthrose die am zweithäufigsten verbreitete chronische Krankheit darstellt. Weitere um sich greifende chronische Krankheiten sind beispielsweise Bluthochdruck, Allergien, Arthritis oder Depressionen.

Diese vielfach durch niederschwellige Studien bestätigten Entwicklungen lassen zumindest den keinesfalls beruhigenden Schluss zu, dass es sich hierbei – vorsichtig formuliert – um Folgen des Lebenswandels in unseren saturierten Industriegesellschaften handelt. Der Umstand, dass gerade Rückenbeschwerden generations- und geschlechterübergreifend auf dem ersten Platz landen, unterstützt diese Vermutung.

Besonders kritisch wird es für die Erkrankten, wenn sie nicht nur an einem Krankheitsbild leiden, sondern gleich zwei oder mehr Erkrankungen aufweisen. Laut besagter Studie handelt es sich hierbei um immerhin fast 10 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Hierbei handelt es sich jedoch nicht ausschließlich um körperliche Krankheiten. Psychische, seelische oder emotionale Erkrankungen sowie Stresssyndrome sind Krankheitsbilder, die auch ihren Niederschlag im steigenden Konsum von Psychopharmaka finden.

Die Zunahme der mit Stress in Verbindung stehenden Krankheiten ist dabei ein Umstand, den die Sozialpartner und Gewerkschaften seit geraumer Zeit immer wieder auf die politische Agenda drücken. Hier werden nicht zuletzt gesteigerte Probleme bei der Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben vermutet. Dies ist zumindest die Schlussfolgerung zahlreicher Arbeitspsychologen und -mediziner, Personalverantwortlicher in den Unternehmen und Gewerkschaften.

Diese Vermutung wird nicht zuletzt durch die Resultate der Gesundheitsstudie bezüglich der Abwesenheit vom Arbeitsplatz aus gesundheitlichen Gründen unterstützt. Laut Studie blieben insgesamt 39,7 Prozent der Bürgerinnen und Bürger mindestens einmal innerhalb des zwölfmonatigen Messzeitraums krankheitsbedingt der Arbeit fern. Durchschnittlich belief sich der Zeitraum der Abwesenheit vom Arbeitsplatz auf 11 Tage. Auch hier herrscht Handlungsbedarf. Angesichts des zunehmenden Stresses in der Arbeitswelt und der Zunahme an Burn-outs beziehungsweise psychischen Erkrankungen in den vergangenen Jahren müssen wir neben den persönlichen Schicksalen auch von negativen, volkswirtschaftlichen Auswirkungen ausgehen. Hier sind neben direkten präventiven Maßnahmen bei den Rahmenbedingungen der Volksgesundheit jedoch sicherlich auch arbeitsmarktrelevante Eingriffe vonnöten. Diese möchte ich jedoch an dieser Stelle ausklammern, da sie nicht die Zuständigkeiten dieses Ausschusses betreffen.

Bevor ich mich der spezifischen Situation in der Deutschsprachigen Gemeinschaft widme, möchte ich auf die 21 Gesundheitsziele der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu sprechen kommen. Alle der bisher von mir aufgezählten Aspekte der Volksgesundheit finden sich in diesen Forderungen wieder, die im Jahre 1998 für das 21. Jahrhundert formuliert wurden.

Da ich zeitlich bedingt nicht alle Gesundheitsziele der WHO aufzählen kann – den meisten Anwesenden sind diese ohnehin durch die Ausschussarbeit bestens bekannt – nehme ich beispielweise das Ziel 6, die Verbesserung der psychischen Gesundheit. Angesichts der laut Gesundheitsstudie enorm angestiegenen Verbreitung psychischer und emotionaler Erkrankungen in unserem Land, müssen wir hier – wie ich eben bereits eingehend erläutert habe – einen erhöhten Handlungsbedarf konstatieren.

Nehmen wir die Ziele 1 und 2: Solidarität für die Gesundheit in der EU beziehungsweise gesundheitliche Chancengleichheit. Angesichts der Sparwut der zuständigen Föderalministerin – ich erinnere an die 902 Millionen Euro Sparvorhaben alleine in der Gesundheit für das Jahr 2017 – müssen wir feststellen, dass diese Ziele zumindest auf den ersten Blick in weite Ferne rücken.

Blicken wir auf Ziel 11: Gesünder leben. Hier sollen laut WHO gesündere Lebensumstände gezielt gefördert werden.

Dieses Ziel umfasst sowohl Prävention als auch Information der Bürgerinnen und Bürger über schädliches Verhalten. Ein jeder Mensch weiß, dass beispielsweise starkes Rauchen oder übermäßiger Alkoholgenuss schädlich für die Gesundheit sein können. Dieses Wissen gilt jedoch bei weitem nicht für alle Lebensmittel und Konsumgüter. Hier ist Aufklärung gefordert. Wichtig ist dabei zu beachten, dass eine Verteufelung oder Schreckensszenarien nichts mit Aufklärung zu tun haben. Dies sei betont. Die alte Regel des Paracelsus scheint bis heute – nicht zuletzt unter Medizinern – Geltung zu haben: „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht‘s, dass ein Ding kein Gift sei.“ Oder populärwissenschaftlich ausgedrückt: „Die Dosis macht das Gift.“

Es gilt sozusagen das Gleichgewicht zwischen Gesundheit und Genuss zu finden. Oftmals handelt es sich hierbei um eine feine Linie, einen schmalen Grat.

Werte Kolleginnen und Kollegen,

werter Herr Minister,

Angesichts der vorrangigen Bedeutung der Gesundheitsförderung und deren Implementierung in den Alltag der Menschen in der DG ist es wichtig, die hiesigen Rahmenbedingungen zu beleuchten, zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. Bereits heute sind eine Vielzahl an Partnern und Akteuren auf dem Terrain der Gesundheitsförderung aktiv. Das Ministerium der DG ist dabei der Dreh- und Angelpunkt, der nicht zuletzt als Schaltstelle zwischen den einzelnen Diensten fungiert. Jahrzehntelang gewachsenes Know-how ist demnach in Hülle und Fülle vorhanden. Die Stärkung dieser Dienste und die Vernetzung all dieser Akteure untereinander sowie mit externen Partnern ist vor diesem Hintergrund eine wichtige Aufgabe.

Des Weiteren gilt es, Maßnahmen der jetzigen sowie künftigen Prävention und Gesundheitsförderungen zu messen. Schließlich können nur die passenden Messinstrumente, Modelle und Kriterien die Realität in all ihren Facetten abbilden und überhaupt den wissenschaftlichen Anforderungen gerecht werden. Vor allem aber können die richtigen Messverfahren Fortschritte herauskristallisieren, um die künftige Gesundheitsförderung auf diese Entwicklungen abzustimmen.

Kommen wir zu meinen Fragen an Sie:

  • Gibt es mit der Gesundheitsstudie von 2013 vergleichbare, belastbare Zahlen, was den Gesundheitszustand der ostbelgischen Bevölkerung betrifft? Wenn ja, welche Schlussfolgerungen ziehen Sie aus diesem Material?
  • Welche Maßnahmen gedenken Sie angesichts der hohen Anzahl chronischer Krankheiten zu ergreifen?
  • Angesichts der föderalen Sparmaßnahmen im Gesundheitssektor wird der Prävention von Krankheitsbildern künftig mehr Aufmerksamkeit zukommen. Können Sie einen Einblick in die konkreten, gesundheitsfördernden Präventionsmaßnahmen geben, die die Regierung zu ergreifen gedenkt?
  • Welche Mittel der Kommunikation gedenken Sie zur Beeinflussung des individuellen Settings – sprich des Lebensumfeldes – der Bürgerinnen und Bürger hin zu einer gesünderen Lebensweise zu verwenden?
  • Gibt es sogenannte „best practices“, die als Vorbild für eine umfassende Gesundheitsförderung in der Deutschsprachigen Gemeinschaft dienen können?
  • Welche Instrumente denken Sie zur realitätsgetreuen Messung der Entwicklungen auf Ebene der Volksgesundheit mit Bezug auf Prävention und Förderung zu nutzen?
  • Welche Akteure aus der Deutschsprachigen Gemeinschaft und darüber hinaus werden in Zukunft mit der Gesundheitsförderung betraut? Wie muss man sich deren tägliche Arbeit vorstellen? Welche Synergie-Effekte sind zu erwarten?
  • Und abschließend: wann ist mit einem vollständigen und umfassenden Konzept zur Gesundheitsförderung in der Deutschsprachigen Gemeinschaft zu rechnen? Welche Bereiche wird dieses angekündigte Konzept konkret umfassen? Wie ist der zeitliche Fahrplan für die Gesundheitsförderung in der laufenden Legislaturperiode und darüber hinaus?

Antwort des Ministers Antoniadis

Sehr geehrter Herr Ausschussvorsitzende,

Kolleginnen und Kollegen,

Gesundheit ist ein Grundbedürfnis und die Basis für die Entwicklung des Menschen. Sie ist unabdingbar für die Entfaltung seiner Leistungsfähigkeit.

Die medizinische und technologische Entwicklung hat dazu geführt, dass viele früher unheilbare Krankheiten heute wirksam bekämpft werden können.

Die Diagnose- und Behandlungsmethoden der Ärzte haben sich immer weiter entwickelt. Neue Medikamente kommen jedes Jahr auf den Markt.

Die Lebenserwartung der Menschen ist unter anderem aus diesem Grund gestiegen.

Von 1987 bis 2010 stieg in Belgien die Lebenserwartung der Frauen um 3,8 Jahre, die der Männer sogar um 5,1 Jahre[1].

Das ist sicherlich ein Erfolg der Wissenschaft.

Neben der positiven Entwicklung im Leben des Menschen ist eine gute Gesundheit aber auch aus ökonomischen Gründen von Bedeutung.

Zum einen, weil die Soziale Sicherheit entlastet werden kann und zum anderen aufgrund der Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen.

Außerdem tragen die Patienten selbst oftmals einen kleinen aber für viele Geldbeutel bedeutenden Teil der Kosten.

Doch besser als die Folgen von Krankheiten zu bekämpfen, ist es, Erkrankungen zu vermeiden. Davon bin ich überzeugt.

Das haben viele Menschen verstanden. Das neue Wissen hat uns achtsamer gemacht. Die Menschen treiben Sport, versuchen sich gesund zu ernähren.

Die Fitnessstudios und das Geschäft mit Gesundheits-APPs und anderen Gadgets boomt.

Die Menschen entwickeln eine Gesundheitskompetenz und versuchen die Begleiterscheinungen des Wohlstands und der leistungsorientierten Gesellschaft zu bekämpfen.

Begleiterscheinungen wie Fettleibigkeit, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bulimie, Burnout und viele andere. Das sind die Volkskrankheiten unserer Zeit[2].

Diese positiven wie auch negativen Entwicklungen sind der Regierung bewusst. Wir setzen deshalb auf Vorsorge und Bewusstseinsbildung.

Dass Prävention ein wichtiges Thema ist, das sieht auch der Ausschuss IV des Parlamentes so, der sich ausgiebig damit beschäftigt hat.

Ich hatte angekündigt, ein neues Präventionskonzept zu erstellen. Das alte Konzept stammt aus dem Jahr 2003.

Fragen 3+8

Um direkt auf Ihre letzte und ihre 3. Frage einzugehen: Das neue Konzept zur Gesundheitsförderung wurde in der Regierungssitzung vom 23. März 2017 verabschiedet.

Wir sind von einem weißen Blatt Papier ausgegangen.

Das neue Konzept wurde unter wissenschaftlicher Begleitung der Uni Maastricht ausgearbeitet und vom Beirat für Gesundheitsförderung begutachtet und daraufhin angepasst. Außerdem habe ich das Konzept ebenfalls der Konzertierungsplattform der Krankenkassen vorgelegt.

Das Konzept verfolgt den sogenannten Setting-Ansatz. Dabei sollen große Kernbereiche der Gesundheitsförderung auf die Ebene eines „Sets“, zum Beispiel eines Unternehmens, einer Schule oder der Familie herunterdekliniert werden.

Gesundheitsförderung betrachten wir als eine Querschnittsaufgabe für alle Politikbereiche.
Im neuen Konzept beschäftigen wir uns sowohl mit der Organisation und Netzwerkarbeit der Prävention in Ostbelgien als auch mit der Kommunikation, dem Aufbau von wissenschaftlicher Expertise und der Stärkung des Individuums.

Die Schwerpunkte der Gesundheitsförderung werden weiterhin aufgrund verschiedener Studien und Berichte berücksichtigt. Ich denke hier zum Beispiel an die Gesundheitsberichte der WHO und die landesweite Gesundheitsumfrage. Außerdem setzen wir auf die Expertise des Beirates für Gesundheitsförderung.

Ab Mitte 2018 ist vorgesehen, dass Pilotprojekte in den ausgewählten Settings durchgeführt werden.
Die Umsetzung des Konzepts wird mit Sicherheit über die Legislaturperiode hinaus gehen. Gerade im Bereich der Prävention werden die Effekte auf lange Sicht zu messen sein.

Das Konzept ist also ein Richtungsweiser, der gesundheitsrelevante Ziele und Handlungsstrategien definiert, aber es ist kein Maßnahmenkatalog. Hier setzen wir auf das Knowhow und das Engagement der Experten vom Terrain.

Ich schlage vor, dass ich Ihnen das Konzept zukommen lasse und es in einer der kommenden Sitzungen im Ausschuss IV vorgestellt und besprochen wird.

Ich komme nun zu Ihrer ersten Frage. Darin fragen Sie mich nach vergleichbaren Studien zur Gesundheitsbefragung von 2003 für Ostbelgien.

Frage 1

Für die ostbelgische Bevölkerung gibt es derzeit keine andere Studie als die Gesundheitsumfrage aus dem Jahr 2013.

Die darin verwendete wissenschaftliche Methode basiert auf dem Prinzip des subjektiven Empfindens. Es spiegelt also nicht den tatsächlichen gesundheitlichen Zustand wieder, sondern die persönliche Einschätzung der Befragten.

Die Resultate der Studie sind im Ausschuss IV vorgestellt worden. Ich werde somit nicht näher darauf eingehen.

Im Rahmen der Befragung gaben 22,8 % der Ostbelgier über 15 Jahre an, mit ihrem Gesundheitszustand unzufrieden zu sein. In Gesamtbelgien waren es 22,1 % – kein signifikanter Unterschied.

Ich weise jedoch nochmals darauf hin, dass bei der Umfrage lediglich 300 Personen aus Ostbelgien befragt wurden.

Vor diesem Hintergrund habe ich damals Zweifel an der Aussagekraft der Resultate ausgesprochen.

Um solche Bedenken in Zukunft zu vermeiden und eine zuverlässige Basis für die Umsetzung des Präventionskonzepts zu haben, habe ich beschlossen, die nächste Gesundheitsbefragung auszudehnen.

Künftig sollen statt der 300 insgesamt 900 Ostbelgier befragt werden. Hierfür hat die Regierung im Haushalt ca. 70.000 Euro vorgesehen.

Frage 2

Chronische Krankheiten zählen heute zu den häufigsten und gesundheitsökonomisch bedeutsamsten Gesundheitsproblemen des 21. Jahrhunderts.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen, psychische Störungen, Diabetes oder Krebserkrankungen  sind weit verbreitet.

Die Deutschsprachige Gemeinschaft ist weder zuständig für die Ursachenforschung und Bekämpfung von chronischen Krankheiten, noch hat sie die Möglichkeit dies zu tun.

Wenn es darum geht, in diesem Bereich Präventionsarbeit zu leisten, dann ist ein Vorgehen auf mehreren Ebenen gefragt.

Auf die chronischen Krankheiten wollen wir mit drei Projekten reagieren.

  1. Zum einen wäre das Projekt Gesunde DG zu erwähnen. Darin geht es um die Verbesserung des Gesundheitszustandes der Gesamtbevölkerung im Allgemeinen und der Menschen im Anfangsstadium von Diabetes Mellitus II oder mit kardiovaskulären Erkrankungen und Depressionen im Besonderen.

Durch ein Screening durch den Haus- oder Facharzt oder das Krankenhaus kann ein potentieller Risikopatient frühzeitig erkannt und im Rahmen der sekundären Prävention in ein niederschwelliges Versorgungsangebot orientiert werden.

Nachdem das LIKIV der Projektskizze im vergangenen Jahr zugestimmt hat, wird derzeit das definitive Projekt unter der Koordination der Dienststelle für Selbstbestimmtes Leben (DSL) ausgearbeitet.

  1. Ein weiteres Element der Antwort wird sich aus der Gesundheitsplanung heraus ergeben. Diese wird den Stakeholdern im Mai vorgestellt. Gemeinsam sollen Prioritäten festgelegt werden. In weiten Teilen der Gesundheitsplanung geht es um chronische Krankheiten.
  1. Das dritte Projekt ist das Gesundheitsförderungskonzept. Die Herausforderung wird hier sein, der Bevölkerung Maßnahmen aufzuzeigen, die zum Erhalt einer guten Gesundheit beitragen und einen gesunden Lebensstil unterstützen, welcher wiederum chronischen Krankheiten vorbeugen kann. Hier geht es um eine gesunde Ernährung und Bewegung sowie Entspannung.

Bei allen drei Projekten ist das Thema Netzwerkarbeit von elementarer Bedeutung. Die Akteure im Bereich der Prävention und die Gesundheitsdienstleister sollen sich im Rahmen des neuen Konzepts zur Gesundheitsförderung auf einheitliche Ziele verständigen und sie mit verschiedenen Aktionen, Projekten und Kampagnen erreichen.

Frage 4

In Ihrer vierten Frage gehen Sie auf das Thema Kommunikation ein. Kommunikation ist gerade in der Bewusstseinsbildung von großer Bedeutung.

In unserem Konzept gehen wir zielgruppen- und settingorientiert vor.

Die Botschaft der Charta zur Gesundheitsförderung von Ottawa aus dem Jahr 1986 bringt es ganz gut auf den Punkt:

„Gesundheit wird von Menschen in ihrer alltäglichen Umwelt geschaffen und gelebt; dort wo sie spielen, lernen, arbeiten und lieben“ 

Insgesamt soll die Kommunikation den salutogenetischen und nicht den pathogenetischen Ansatz verfolgen. Mit anderen Worten, wir gehen immer von den Ressourcen und Möglichkeiten der Menschen und des Umfeldes aus und nicht von den Einschränkungen oder Krankheiten.

Im Laufe der Zeit soll dies über die Kommunikationskanäle Ostbelgiens, darunter Ostbelgienlive, und denen der Dienstleistungsträger sichtbar werden.

Es wird den Trägern der Präventionsarbeit und den Gesundheitsdienstleistern allerdings freistehen, das jeweilige Medium auszuwählen.

Hier sollte man auch auf die Best-Practice-Beispiele unserer Nachbarn und Kollegen schauen. Die Möglichkeiten der modernen Kommunikation sind praktisch grenzenlos geworden.

Frage 5

Was die Best-Practice-Beispiele im Bereich der Gesundheitsförderung angeht, arbeiten wir sehr eng mit dem Land Niederösterreich zusammen. Regelmäßig kommt es zu einem Austausch unserer Verwaltungen.

Außerdem haben wir uns für die Entwicklung des eigenen Konzepts auch von unserem flämischen Kollegen und dem Kanton Zürich inspirieren lassen.

Die Parallelen sind deutlich. Alle drei Konzepte behandeln:

  • das Health in All Policies-Prinzip
  • die Verbesserung der Gesundheitskompetenz der Bürger
  • die Verbesserung der Bedingungen in den Lebenswelten
  • die Krankheitsprävention: Förderung des Impfwesens, der Früherkennung von Brust-, Darm- und Gebärmutterhalskrebs
  • die Förderung der Vernetzung und Zusammenarbeit

Bei den Best-Practice-Beispielen wird es vor allem darauf ankommen, welche Beispiele der Realität und dem Bedarf in Ostbelgien Rechnung tragen können. Das müssen wir stets vor Augen halten.

Die Best-Practice-Beispiele der Umsetzung des Gesundheitsförderungskonzeptes werden in den kommenden Wochen vertieft werden.

 

Frage 6

In Ihrer sechsten Frage erkundigen Sie sich nach unseren Messinstrumenten.

Die Festlegung der Schwerpunkte erfolgt anhand der Evaluationen und Berichte von Institutionen wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dem Wissenschaftlichen Institut für Volksgesundheit Belgiens (WIV-ISP), dem föderalen Institut für Gesundheitsexpertisen (KCE) oder dem Belgischen Hohen Rat für Gesundheit.

Diese werden in Verbindung mit anderen Datenquellen gebracht. Folgende wären hier zu erwähnen:

Krebsregister, Intermutualistische Agentur (IMA), Statistiken zur Früherkennung (CCR), Impfstatistik des Ministeriums, den BMI-Daten der Kinder, die von Kaleido erfasst werden, die Ergebnisse der Euregionalen Jugendbefragung oder die nationale Gesundheitsumfrage.

 

Frage 7

Welche Akteure aus der Deutschsprachigen Gemeinschaft und darüber hinaus werden in Zukunft mit der Gesundheitsförderung betraut? Wie muss man sich deren tägliche Arbeit vorstellen? Welche Synergie-Effekte sind zu erwarten?

In Ihrer siebten und für mich letzten zu beantwortenden Frage fragen Sie nach den Akteuren in der Gesundheitsförderung. Diese Frage zu beantworten ist allgemein etwas schwierig, wenn man bedenkt, dass wir den Setting-Ansatz verfolgen. Theoretisch sind alle Akteure im jeweiligen Setting-Bereich, ob das die Schule, der Arbeitsplatz oder die Freizeit usw. ist, eingeladen an der Gesundheitsförderung teilzunehmen. Deshalb ist auch die Frage nach der täglichen Arbeit ebenfalls schwierig und organisationsabhängig.

Als Partner in der Prävention könnte ich an dieser Stelle das Ministerium, Kaleido-Ostbelgien, spezialisierte Dienstleister der Prävention wie ASL und PRT, die Verbraucherschutzzentrale, die Dienststelle für Selbstbestimmtes Leben, die Hausärzte, Krankenhäuser und Seniorenwohnheime, die paramedizinischen Dienstleister, die häusliche Hilfe, das SPZ, die Schulen, die Krankenkassen, die Vereine und die Medien erwähnen. Das ist allerdings nur eine Auswahl. In Wirklichkeit sind es weitaus mehr Akteure.

Mit einigen dieser Akteure werden wir entsprechende Verträge abschließen bzw. bestehende Verträge anpassen. Außerdem werden wir Pilotprojekte bezuschussen, die den Zielen des neuen Konzeptes entsprechen.

Mit einigen Akteuren möchte ich die Zusammenarbeit intensivieren.

So schwebt mir ein Finanzierungssystem für die Krankenkassen vor, wenn sie Präventionsarbeit leisten. Ich könnte mir vorstellen, dass die Krankenkassen – übrigens eigentlich müssten wir von Gesundheitskassen sprechen – künftig einen Zuschuss von der Gemeinschaft erhalten, wenn sie die Gesundheit ihrer Mitglieder fördern. Diese Arbeit muss aber zusätzlich zu ihrem bestehenden Auftrag seitens des Föderalstaates stattfinden.

Eine zweite Gruppe sind die Hausärzte. Sie sollen ebenfalls für die Gesundheitsförderung sensibilisiert werden. Möglich wäre es, den Impulseo-Fonds an entsprechende Bedingungen zu knüpfen und entsprechende Weiterbildungen mit Bezug zur Prävention zu fördern.

Auch die Netzwerkarbeit möchten wir vertiefen. Deswegen sollen die Zusammensetzung und Aufgaben des Beirates für Gesundheitsförderung angepasst werden. Eine entsprechende Reform soll noch in dieser Legislaturperiode stattfinden.

Ich denke, dass ich auf all Ihre Fragen eingegangen bin.

Auch nach Verabschiedung des Konzepts zur Gesundheitsförderung wird uns das Thema beschäftigen. Ich würde sogar sagen, dass die eigentliche Arbeit vor uns liegt. Wichtig wird sein, die unterschiedlichen Akteure und die Bevölkerung zu erreichen. Dazu brauchen wir jegliche Unterstützung. Das gilt auch für das Parlament, das über den Ausschuss IV – wie eben schon erwähnt – sich ebenfalls mit der Prävention und Gesundheitsförderung in Ostbelgien beschäftigt hat und einen entsprechenden Bericht verabschieden wird.

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit!

Tags:
Schrift vergrößernSchrift verkleinernStandard