Kirsten Neycken-Bartholemy / PDG

Zugangsprüfungen an frankophonen Universitäten


Mündliche Frage von Kirsten Neycken-Bartholemy, Mitglied der SP-Fraktion, an Minister Mollers zu den

Zugangsprüfungen an frankophonen Universitäten

Ende März hat das Parlament der Föderation Wallonie-Brüssel grünes Licht für die Einführung von Zugangstests in den Studiengängen Medizin und Zahnmedizin gegeben. Jeder, der künftig an einer frankophonen Fakultät einen der beiden Studiengänge studieren möchte, wird einen solchen Test bestehen müssen.

Die Tests werden sich aus acht Fächern zusammensetzen und in zwei Prüfungsteile aufgeteilt sein. Zum einen werden die wissenschaftlichen Kenntnisse in Biologie, Chemie, Physik und Mathematik getestet. Zum anderen stehen Kommunikation, Kritikfähigkeit, Empathie und Ethik auf dem Prüfstand. Um die Prüfung zu bestehen muss ein Mindestnotenschnitt von 10/20 für jeden der zwei Prüfungsteile erreicht werden. Außerdem müssen die angehenden Studenten in jeder der acht gesonderten Prüfungen mindestens eine 8/20 erzielen.

Die Zuhilfenahme eines Wörterbuches für die deutschsprachigen Studenten ist erlaubt, jedoch kann dies alleine nicht als Argument für einen Ausgleich des Sprachnachteils gewertet werden. Angesichts des natur- und geisteswissenschaftlichen Fachvokabulars sind die Nachteile – trotz Wörterbuch – frappierend.

Meine Fragen an Sie lauten:

  • Können Sie Auskunft darüber geben, ob die Föderation Wallonie-Brüssel gegebenenfalls Zugangsprüfungen in deutscher Sprache organisieren kann oder ist dies gar in der Deutschsprachigen Gemeinschaft möglich?
  • Was gedenkt die Regierung der DG zu unternehmen, um die angehenden deutschsprachigen Studenten auf eine solche Zugangsprüfung vorzubereiten?

Antwort von Harald Mollers (ProDG), Bildungsminister:

Sehr geehrter Herr Vorsitzender, Werte Kolleginnen und Kollegen,

bevor ich Ihre Fragen beantworte, erlauben Sie mir einen kurzen Rückblick:
Die föderale Gesundheitsministerin Maggie De Block hat die Vergabe der Berufszulassungen für die derzeitigen Medizinstudenten an die Bedingung geknüpft, dass die Französische Gemeinschaft Aufnahmeprüfungen organisiert.
Der zuständige Hochschulminister der Französischen Gemeinschaft, Jean-Claude Marcourt,  ist dieser Forderung widerwillig nachgekommen.
Daraufhin hat die Föderalregierung die Quoten für 2022 in einem Königlichen Erlass festlegen wollen.
Aufgrund eines Gutachtens des Staatsrats konnte der Königliche Erlass allerdings nicht verabschiedet werden (der Erlass wurde zu spät, nämlich erst nach Beginn des Studienjahres 2016-2017 fertiggestellt).
Die Französische Gemeinschaft stützt sich jedoch in ihrem Dekret, das am 29. März 2017 verabschiedet wurde, auf die Quoten der Föderalregierung, die ja keine rechtliche Grundlage haben.
Damit hat die Französische Gemeinschaft zwar die rechtliche Grundlage für die Organisation einer Aufnahmeprüfung geschaffen, das Dekret steht jedoch auf wackeligen Füßen.
Hier ist also vielleicht noch nicht das letzte Wort gesprochen.
Nun zu Ihren Fragen.
Wir haben die Frage, ob eine Aufnahmeprüfung in deutscher Sprache organisiert werden kann, vor einigen Wochen juristisch prüfen lassen.
Eine Zulassungsprüfung auf Deutsch kann es nur geben, wenn das Parlament der Französischen Gemeinschaft diese Möglichkeit dekretal vorsieht.
Dies ist zurzeit nicht der Fall.
Sollte vorgesehen werden, dass die Prüfung in Deutsch organisiert wird, müsste das Dekret die Prüfung ebenfalls in Niederländisch vorsehen.
So will es das in der belgischen Verfassung verankerte Gleichheitsprinzip.
Dies ist von der Französischen Gemeinschaft jedoch nicht beabsichtigt.

Die Französische Gemeinschaft kann also eine Aufnahmeprüfung in deutscher Sprache organisieren unter der Voraussetzung, dass sie sie dekretal vorsieht.
Die Bereitschaft dazu ist jedoch – unter anderem wegen des Gleichheitsprinzips – nicht vorhanden.
Das Kabinett Marcourt, mit dem wir seit Monaten im Austausch stehen,  argumentiert zudem, dass die Studenten ohnehin das Studium in französischer Sprache werden absolvieren müssen.
Sollte die Zulassungsprüfung jemals in deutscher Sprache organisiert werden, was aus den genannten Gründen sehr unwahrscheinlich ist, wäre selbst dann eine Zulassungsprüfung in der Deutschsprachigen Gemeinschaft so gut wie ausgeschlossen.
Damit gleiche Bedingungen für alle gelten, wird die Prüfung zentralisiert organisiert. Man möchte vermeiden, die ohnehin schon wacklige Prüfung durch unterschiedliche Prüfungsbedingungen an mehreren Standorten juristisch angreifbar zu machen.

Auch die Idee, die Französische Gemeinschaft auf der Grundlage unserer Zuständigkeiten im Hochschulwesen mit der Organisation einer Prüfung in deutscher Sprache zu beauftragen – etwa über ein bilaterales Abkommen –, hielt der Prüfung durch die Juristen nicht stand.
Christian Behrendt, seines Zeichens Professor an der juristischen Fakultät der Universität Lüttich und Beisitzer beim Staatsrat, teilte uns mit, dass wir dazu nicht berechtigt seien, weil wir kein Medizinstudium anbieten würden und die Französische Gemeinschaft die Prüfung folglich nicht FÜR uns organisieren würde.
Zuständig für das Medizinstudium an Universitäten, die sich in der Französischen Gemeinschaft befinden, und damit für die Organisation und Modalitäten der Aufnahmeprüfung ist einzig und allein die Französische Gemeinschaft.

Dennoch ist die Regierung weiterhin bemüht, Lösungsansätze zu entwickeln. Gemeinsam mit dem Gesundheitsminister habe ich Minister Marcourt bereits zweimal per offiziellem Schreiben darauf hingewiesen, dass bei einer Zulassungsprüfung die sprachlichen Besonderheiten der deutschsprachigen Studienanwärter berücksichtigt werden müssen.
Um mögliche Sonderregelungen auszuarbeiten, haben schon zwei Treffen auf Kabinettsebene stattgefunden, ein weiteres ist für die kommenden Wochen geplant. Es wird darum gehen, eine pragmatische Lösung zu finden, die eine Benachteiligung deutschsprachiger Studenten ausschließt.
So könnte es neben der Nutzung von Wörterbüchern auch die Möglichkeit geben, den Deutschsprachigen mehr Zeit zur Beantwortung der Fragen zu gewähren.
Da wir nicht zuständig sind, sind wir auf das Entgegenkommen der Französischen Gemeinschaft angewiesen.
Uns ist bewusst, dass es in dieser Situation keine ideale Lösung gibt.
Ich weise darauf hin, dass es sich bei der Prüfung wahrscheinlich um Multiple Choice Fragen handeln wird.
Es kommt also in erster Linie auf die Lesekompetenz an.

Die Befürchtung, dass der Fachwortschatz eine Hürde darstellen könnte, hat mich dazu veranlasst, eine flächendeckende Befragung durchzuführen, um herauszufinden, welche Fächer in ostbelgischen Schulen in französischer Sprache unterrichtet werden und in welchem Umfang.

Die Ergebnisse der Befragung werden zurzeit ausgewertet.

Außerdem sind wir bereits auf einzelne Sekundarschulen zugegangen, um gemeinsam mit ihnen zu überlegen, wie sie die Schüler sowohl fachlich als auch sprachlich auf die Zulassungsprüfung vorbereiten können.

Wir werden das Thema bei der nächsten Sekundarschulleiterversammlung vertiefen.
Sowohl für die Schulen als auch für uns ist der Bedarf an Unterstützungsmaßnahmen nur schwer einzuschätzen, solang die sprachlichen und fachlichen Anforderungen der Zulassungsprüfung nicht bekannt sind.

Sie sehen, wir stehen in engem Austausch sowohl mit der Französischen Gemeinschaft als auch mit den schulischen Akteuren, um unseren Schülern den Zugang zum Studium der Medizin und Zahnmedizin in der Französischen Gemeinschaft möglichst ohne Benachteiligung zu ermöglichen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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