Kirsten Neycken-Bartholemy / PDG

Erstmalig abgehaltenen Zulassungsprüfung für Medizinstudenten in der Französischen Gemeinschaft


Schriftliche Frage Nr. 218 vom 21. September 2017 von Frau Neycken-Bartholemy an Herrn Minister Mollers bezüglich

der erstmalig abgehaltenen Zulassungsprüfung für Medizinstudenten in der Französischen Gemeinschaft

Am 8. September 2017 wurde erstmalig eine Zulassungsprüfung für Medizinstudenten in der Französischen Gemeinschaft abgehalten. Insgesamt haben knapp 3.500 Kandidaten an dieser Zulassungsprüfung teilgenommen.

Am 14. September 2017 teilte die mit der Durchführung der Prüfung beauftragte Akademie ARES mit, dass lediglich 641 Teilnehmer die Zulassungsprüfung bestanden haben. Dies entspricht 18,47 Prozent erfolgreich abgeschlossener Prüfungen.

Bereits vor der Veröffentlichung der Ergebnisse hatte es Kritik an den Rahmenbedingungen der Prüfung gegeben. Zum einen wurde kritisiert, dass die Prüfung mit acht Stunden viel zu umfangreich gewesen sei. Des Weiteren durfte kein Wörterbuch zum Einsatz kommen – ein schwerer Nachteil nicht zuletzt für die deutschsprachigen Kandidaten im Gegensatz zu ihren französischsprachigen Mitbewerbern. In Beantwortung meiner diesbezüglichen Frage vom 13. April dieses Jahres hatten Sie, Herr Minister, noch die Hoffnung geäußert, möglicherweise Ausnahmeregelungen unter anderem bei der Verwendung von Wörterbüchern für die deutschsprachigen Kandidaten erwirken zu können. Hier sei man jedoch auf das Entgegenkommen der Französischen Gemeinschaft angewiesen. Wie sie dem GrenzEcho mitteilten, sei es jedoch leider nicht dazu gekommen.

Die Methode Zulassungsprüfung wird überdies generell sehr kritisch gesehen, da das für die Vergabe von Zulassungen zuständige Landesinstitut für Kranken- und Invalidenversicherung (LIKIV) bereits vor Bekanntwerden der Resultate angekündigt hatte, unabhängig von der Anzahl zum Medizinstudium zugelassener Studenten, am Ende des Studiums nur 607 Zulassungsnummern zu vergeben. Ohne eine solche darf man – wie wir wissen – in Belgien nicht als Arzt arbeiten.

Meine Fragen lauten:

  1. Können Sie bereits mitteilen, wie viele deutschsprachige Studienanwärter die Prüfung bestanden haben?
  2. Falls ja, welche Schlussfolgerungen ziehen Sie aus den vorliegenden Ergebnissen? Falls nein, wann ist mit konkreten Zahlen zu rechnen?
  3. Wie haben die deutschsprachigen Teilnehmer an der Zulassungsprüfung im Vergleich zu den französischsprachigen sowie den anderssprachigen Teilnehmern abgeschnitten?
  4. Mit welcher Begründung haben die ARES-Verantwortlichen die in Aussicht gestellte Möglichkeit zur Verwendung von Wörterbüchern oder eines ‚Zeitbonus‘ für deutschsprachige Teilnehmer an der Zulassungsprüfung abgelehnt?
  5. Welche Maßnahmen werden Sie ergreifen, um der sprachlichen Benachteiligung deutschsprachiger Studienanwärter bei künftigen Aufnahmeprüfungen entgegenzuwirken?

 

Antwort des Ministers Mollers

Eine Anmerkung vorab: Nachdem ein Fehler in der Übertragung der Antworten eines Physikfragebogens festgestellt wurde, verkündete die ARES am 21. September 2017 nach der Korrektur des Fehlers, dass 55 zusätzliche Kandidaten die Aufnahmeprüfung bestanden haben. Von 3.471 Kandidaten haben demnach 696 die Prüfung erfolgreich abgeschlossen. Die Erfolgsquote liegt somit bei 20,04 %.

Ich habe am 27. September 2017 per Brief bei der ARES nachgefragt, wie viele deutschsprachige Studienanwärter die Prüfung bestanden haben und wie die deutschsprachigen Kandidaten im Vergleich zu den französischsprachigen Studienanwärtern und den anderen nicht-frankophonen Teilnehmern abgeschnitten haben. Am 12. Oktober 2017 teilte die ARES mir mit, dass die Ergebnisse der Aufnahmeprüfung derzeit analysiert werden und die von uns erwünschten Daten noch nicht vorliegen. Sie hat mir versichert, dass sie uns die Ergebnisse der deutschsprachigen Prüfungsteilnehmer zu einem späteren Zeitpunkt mitteilen wird.

Seitdem die Französische Gemeinschaft angekündigt hat, dass sie eine Zulassungsprüfung organisieren würde, bemühen wir uns um eine Lösung für die deutschsprachigen Studienanwärter.
Am 14. September 2016 habe ich gemeinsam mit dem Gesundheitsminister der Deutschsprachigen Gemeinschaft einen Brief an den zuständigen Hochschulminister der Französischen Gemeinschaft Jean-Claude Marcourt geschickt, in dem wir vor dem Hintergrund der sprachlichen Benachteiligung und des Ärztemangels in Ostbelgien auf die Notwendigkeit spezieller Vorkehrungen für deutschsprachige Studienanwärter hinweisen. Nachdem keine Antwort von Minister Marcourt auf unser Schreiben erfolgte, haben wir ihm am 28. Oktober 2016 erneut einen Brief geschickt, in dem wir auf ein Treffen unserer Kabinette drängten, um eine Lösung herbeizuführen. In seiner Antwort kündigt Minister Marcourt an, dass er gemeinsam mit uns nach möglichen Lösungen suchen wolle.

Mitarbeiter unserer Kabinette haben sich mehrfach mit dem zuständigen Mitarbeiter aus dem Kabinett Marcourt getroffen, um die Modalitäten der Vorkehrungen auszuhandeln. Minister Marcourt hat am 25. April 2017 im Parlament der Französischen Gemeinschaft die Möglichkeit in Aussicht gestellt, den deutschsprachigen Studienanwärtern Wörterbücher zur Verfügung zu stellen.

Als mein Kabinett sich im Juni mit der zuständigen Projektleiterin der ARES treffen wollte, um die Details der Unterstützungsmaßnahmen zu besprechen, teilte diese uns am 28. Juni 2017 per E-Mail mit, dass die ARES keine Vorkehrungen für deutschsprachige Studienanwärter treffen wird.
Sie begründete ihre Entscheidung damit, dass es sich bei der Zulassungsprüfung nicht wie beim „Test d’orientation du secteur de la santé“ (TOSS) um eine Evaluation handele, die das Kompetenzniveau ermittelt, sondern um einen Filter, also eine Zugangsbeschränkung. Der erfolgreiche Abschluss der Aufnahmeprüfung stelle eine Bedingung zum Zugang zum Studium dar. Deshalb müssten, so die Projektleiterin der ARES, alle Kandidaten gleich behandelt werden.

Eine Entscheidung, die bestimmte Vorkehrungen für eine spezifische Gruppe von Studenten vorsehe, so die ARES, verstoße gegen das Recht der Studenten, sich frei zu bewegen, und gegen die Verpflichtung, alle europäischen Studenten gleich zu behandeln. Deshalb würde die Jury, wie in Flandern, keine Vorkehrungen für die deutschsprachigen Belgier treffen. Die einzige Ausnahmeregelung betreffe die Maßnahmen zum Nachteilsausgleichs, die durch das Dekret der Französischen Gemeinschaft zum inklusiven Unterricht vorgesehen sei.
Wir haben der ARES unverzüglich unser Unverständnis und unseren Unmut über diese Entscheidung zum Ausdruck gebracht und sie gebeten, diese zu überdenken. Am 17. Juli 2017 habe ich in einem Schreiben an Minister Marcourt ebenfalls die Argumente der ARES widerlegt und meine Verwunderung darüber geäußert, dass sich die ARES über den Prinzipbeschluss der zuständigen Minister hinwegsetze.

Am 25. September 2017 hat der Ministerpräsident Oliver Paasch ein Schreiben an den Ministerpräsidenten der Französischen Gemeinschaft gerichtet, in dem er die
Unzufriedenheit der ostbelgischen Regierung zum Ausdruck bringt und um eine persönliche Unterredung bittet.

Nachdem bekannt wurde, dass die Französische Gemeinschaft eine Zulassungsprüfung organisieren würde, sind wir bereits im letzten Schuljahr aktiv geworden, damit die Schulen angehende Studenten bestmöglich vorbereiten können. Wir haben das Rundschreiben, das der zuständige Hochschulminister der Französischen Gemeinschaft Jean-Claude Marcourt an die Schulen in der Französischen Gemeinschaft adressiert hat, auf dem Bildungsserver veröffentlicht. Dieses enthielt alle notwendigen Auskünfte zur Aufnahme- und Zugangsprüfung für das erste, zweite und dritte Bachelor-Studienjahr in Medizin oder Zahnmedizin. Außerdem haben wir die frankophonen Universitäten angeschrieben, um in Erfahrung zu bringen, ob sie Vorbereitungskurse anbieten. Auch diese Informationen haben wir in der Mitteilung veröffentlicht.

Die Vorbereitung unserer Schüler im Hinblick auf die Zulassungsprüfung habe ich auch mit den Schulleitern am 17. Mai 2017 besprochen. Sie haben uns zugesichert, dass sie das Rundschreiben mit den Erläuterungen zu den Inhalten der Aufnahmeprüfung mit ihren Naturwissenschaftslehrern besprechen.
Ich habe die Schulleiter gebeten, Studienanwärter, die am 8. September die Aufnahmeprüfung absolviert haben, mit uns in Kontakt zu bringen, damit wir Rückmeldungen über die Art sowie die sprachlichen oder inhaltlichen Anforderungen der Tests bekommen. Solange uns nämlich keine näheren Informationen zur Prüfung vorliegen, können wir auch keine gezielten Maßnahmen ergreifen, um unsere Schülerinnen und Schüler auf die Zulassungsprüfung vorzubereiten.

Aus den Erfahrungsberichten, die wir bislang erhalten haben, geht hervor, dass diejenigen, die Wissenschaften als Leistungskurs gewählt haben und sich gründlich, so z.B. durch Vorbereitungskurse an einer Universität, auf die Prüfung vorbereiten, den fachlichen Anforderungen größtenteils gewachsen sind. Allerdings wurde der Physiktest von den ostbelgischen Studienanwärtern als besonders schwierig eingestuft, wie die geringe Erfolgsquote in diesem Teilbereich von unter 30% (Durchschnitt 5,46/20) bestätigt.

Laut Aussage der Prüfungsteilnehmer stellt die französische Sprache vor allem im Teilbereich „raisonnement“ eine zusätzliche Schwierigkeit für Deutschsprachige dar. Zur Prüfung des (sprach)logischen Denkens mussten die Studienanwärter einen Text lesen und unter verschiedenen Antwortmöglichkeiten den Absatz auswählen, der dem Ausgangstext am ehesten entsprach. Dabei unterschieden sich die Antworten teilweise nur geringfügig. Es versteht sich, dass die korrekte Beantwortung derartiger Fragen eine hohe Sprachkompetenz voraussetzt, da dazu sowohl der Ausgangstext als auch die Antworten in allen Details und Subtilitäten erfasst werden muss. Außerdem ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Lektüre mehrseitiger Texte deutschsprachige Studenten gegenüber frankophonen Muttersprachlern benachteiligt, da die Lektüre in der Fremdsprache mehr Zeit in Anspruch nimmt, insbesondere wenn ein tiefgründiges Verständnis der sprachlichen Feinheiten verlangt wird.

Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass aus den uns vorliegenden Rückmeldungen der ostbelgischen Prüfungsteilnehmer deutlich abzuleiten ist, dass die Schwierigkeit der Prüfung nicht allein in der Sprache begründet liegt. Die Kritik der ostbelgischen Studenten an den Prüfungsfragen aus den Bereichen Physik und Ethik entspricht der Kritik ihrer frankophonen Mitstreiter und wird nicht ausschließlich sprachlich begründet. Die Sprache kommt vor allem in dem Teil zum Tragen, der das logische Denken prüft.
Deshalb werde ich mich bei der Unterredung mit dem Ministerpräsidenten der Französischen Gemeinschaft dafür einsetzen, dass den ostbelgischen Studienanwärtern
Wörterbücher zur Verfügung gestellt werden und für die Prüfungsteile, die eine hohe Sprachkompetenz voraussetzen, mehr Zeit zur Beantwortung der Fragen gewährt wird.

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